1. Senkrecht gestellter Meeresboden. Engelsley bei Altenahr

Wo: In Altenahr parken und am östlichen Ortsausgang vor dem Straßentunnel rechts abbiegen und der Ahr zu den großen gegenüberliegenden Felsen bis zur Brücke folgen.

Geokoordinaten: 6.99477/50.51528; 180 m ü. NN

Betreuer:    Dr. Georg Heumann

Übersichtskarte
Wanderkarte des Eifelvereins 1:25.000 – Nr. 9 Das Ahrtal


An wenigen Stellen in Deutschland ragen senkrechte Felswände so eindruckvoll in einem engen Tal auf, wie in der Wand im Eingang des Langfigtales am südöstlichen Ortsausgang von Altenahr. Von der mittelalterlichen Burg Are erstreckt sich der Bergrücken der Engelsley mit zwei Gipfeln nach Süden. Er wird von der Ahr im Langfigtal in einer großen Schleife umflossen. Der Bergrücken wird an seiner engsten Stelle von Tunneln für Eisenbahn und Straße durchstochen. Etwas südlich vom Straßentunnel ragt eine glatte Felswand fast 80 m über der Ahr in den Himmel. Sie ist von senkrechten Klüften gegliedert. Zusammen mit den benachbarten Felswänden bieten diese spektakulären Felsen einen tiefen Einblick in drei ganz unterschiedliche Phasen der Erdgeschichte: Die Meeresablagerungen des Unterdevons, die Faltung des variszischen Gebirges und schließlich die Talbildung während des Pleistozäns.

Engelsley bei Altenahr
Abb. 3.1: Die Felsen der Engelsley über dem Eingang
des Langfigtales der Ahr bei Altenahr. Foto: WvK

Die senkrecht stehenden Felswände, wie man sie vom Ufer der Ahr aus sieht, zeigen bei genauerem Hinsehen, besonders aber bei günstiger Beleuchtung, parallel angeordnete Rippeln. Das sind kleine, lang gestreckte Wülste und Vertiefungen im Abstand von etwa 10 – 20 cm. Sie erinnern an die Rippeln, die der Wellenschlag an einem sandigen Strand oder in geringer Wassertiefe entstehen lässt. Genau das ist hier vor rund 400 Ma geschehen.

Die Frage, ob wir hier die Ablagerungen eines Meeres oder die eines Süßwassersees vor uns haben, beantworten die in der Schichtfläche – allerdings nur selten – eingelagerten Fossilien. Trilobiten (Abb. 3.3), Brachiopoden (Abb. 3.4) und Muscheln wurden hier gefundenen.

Homanolotus
Abb. 3.3: Schwanzschild eines Homanolotus (Trilobit) in der
Wand der Engelsley. Foto: WvK

Bachipodenschalen
Abb. 3.4: Bachipodenschalen von der Engelsley. Foto: WvK

Es sind Lebewesen, die für den marinen Raum typisch sind. Damit haben wir die Ablagerungen des devonischen Flachmeeres vor uns. Natürlich wurden die Schichten ursprünglich horizontal abgelagert. Aber schauen wir auf die Oberseite oder der Unterseite der Schichten? Auch darüber geben die eingebetteten Fossilien Auskunft. Schalen lagern sich bei bewegtem Wasser meist mit der gewölbten Seite nach oben ab, weil sie so der Strömung den geringsten Widerstand bieten. Da die Schalen von Brachiopoden und Muscheln mit ihren gewölbten Oberseiten zur Ahr einbettet liegen, ergibt sich, dass wir auf die Schichtoberseite des ehemaligen Meeresbodens schauen. Es ist die typische Sandfazies des Unterdevons. Der Sand stammt von dem im Norden liegenden Festland.

Nun stehen die einst horizontal abgelagerten Schichten aber senkrecht. Sie demonstrieren damit eindrücklich den Faltenbau des ehemaligen variszischen Gebirges. Durch seitlichen Druck wurden die Gesteine zusammen geschoben und wie ein Tuch gefaltet. Im Ahrtal ist eine solche Falte, die sich in nordost-südwestlicher Richtung erstreckt, mehrfach aufgeschlossen (siehe Schuld).

An den Felsen der Engelsley bei Altenahr ist nun der nördliche Teil dieser großen Falte freigelegt, wo die Schichten nahezu senkrecht stehen. Wenn man den Faltenbogen nach oben und unten ergänzt (Abb. 3.5), sieht man, dass etwa 1 km Gestein über der Oberkante der Felspartie fehlen. Dieses Gestein ist nach der variszischen Auffaltung des Rheinischen Schiefergebirges wieder abgetragen worden. So lassen die Felsen am Eingang des Langfigtales die Ausmaße der Faltungs- und Abtragungsvorgänge erkennen.

Das dritte Kapitel der Erdgeschichte, die diese Felsen erkennen lassen, ist die Bildung des Ahrtales. Das Tal ist mit seinen engen Windungen tief in das devonische – gefaltete – Grundgebirge eingeschnitten. Aber derartig enge Mäander sind für tief eingeschnittene Täler eher untypisch. Ähnlich wie am Rhein (Kap. 45) floss die Ahr etwa zur Wende vom Tertiär zum Pleistozän in einem breiten Tal, das heute oberhalb des Gipfels der Engelsley liegt. Wenn man in den steilen Hängen des Ahrtales wandert, kann man dieses alte Trogtal noch erahnen, denn die Gipfel der Berge zwischen den Ahrschleifen sind etwas niedriger, als die Abtragungsfläche des Mesozoikums, das den Rand des ehemaligen Trogtales bildet.

Profil durch das Ahrtal
Abb. 3.5: Profil durch das Ahrtal mit der rekonstruierten Faltenhöhe. Grafik: WM

In diesem Trogtal dürfte die mäandrierende Ahr oft ihr Bett gewechselt haben, weil das Gefälle zum Meer sehr gering war. Vor etwa 1 Ma begann sich das Land zu heben und damit gewannen die Flüsse an Strömungsenergie und konnten sich in den Untergrund einschneiden. Die zufällig zu dieser Zeit durchflossenen Schleifen konnten in der Regel nicht mehr verlassen werden, sondern wurden so in die Tiefe eingeschnitten, sobald der Vorfluter, in diesem Fall der Rhein, sein Bett tiefer gelegt hatte. Der kurze Straßentunnel unweit der Engelsley zeigt, wie eng die Schleifen waren. Stellenweise durchbrach die Ahr auch die schmalen Felsbarrieren, so dass es zu Flussverlagerungen kam und Umlaufberge entstanden. Schöne Beispiele für solche Umlaufberge gibt es etwas flussaufwärts bei Ahrbrück und Kreuzberg sowie flussabwärts bei Mayschoß. Selbstverständlich spielt auch die unterschiedliche Härte des Gesteins eine große Rolle bei der Ausformung der bizarren Felsformen, aber das Muster des Flusslaufes stammt aus einer Zeit, als das Rheinische Schiefergebirge noch ein recht flaches Land war.
 

Dies war ein Auszug aus dem Buch :  "Georallye - Spurensuche zur Erdgeschichte"