10. Naturzentrum Nettersheim

Wo: Das "Naturzentrum Eifel" erreicht man über die A1, Abfahrt Nettersheim und weiter über die L205 nach Nettersheim in das Urfttal. (Römerplatz 8-10, 53947 Nettersheim)

Treffpunkt : Erlebnispfad, oberhalb Kaninhecke : Ackerfundplatz  in den Nohner Schichten, Mitteldevon

Betreuer:  Dr. Sandra Kaiser


Naturzentrum Eifel

Das seit 1989 bestehende „Naturzentrum Eifel“ ist ein überregionales Zentrum für Umweltbildung mit Ausstellungen zur Natur und Geschichte der „Kulturlandschaft Eifel“. Es baut auf Einrichtungen und interdisziplinären Projekten zu erdgeschichtlichen, archäologischen und biologisch/ökologischen Themen auf, die bereits seit Beginn der 1980er Jahre bestehen. Wissenschaftler der RWTH Aachen und der Universität Bonn standen damals der Gemeinde Nettersheim zur Seite, ihre Visionen einer ganzheitlich orientierten, ökologischen Erneuerung und Strukturierung der Gemeinde zu verwirklichen.

Hausriff
Das Nettersheimer „Hausriff“, die „Kaninhecke“, ein Stromatoporenriff in den Nohner
Schichten. Am rechten Bildrand ist angelagerter Riffschutt zu erkennen,  verursacht
durch Brandung. Foto: KFS

Man kann behaupten, dass dies in hervorragender Weise gelungen ist und die Gemeinde Nettersheim beispielhafter Vorreiter für spätere Projekte in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, auf Bundesebene und in der Euregio ist. Die folgende Liste der Auszeichnungen mag dies unterstreichen:

  • Bundeshauptstadt für Natur- und Umweltschutz
  • Bundessieger Naturschutz
  • Europäischer Preis für Tourismus und Umwelt
  • Auszeichnung im Bundeswettbewerb „Umweltfreundliche Fremdenverkehrsorte in Deutschland“

Innerhalb des 2441 km² großen „Deutsch-Belgischen Naturparks“, von dem Nordrhein-Westfalen die größte Fläche innehält, bieten zahlreiche Einrichtungen Angebote zu Natur- und Landschaftserlebnis in der Eifel. Auf deutschem Gebiet ist das Naturzentrum Eifel in Nettersheim hier die herausragende Einrichtung.

Einzelkoralle
Dohmophyllum helianthoides. Eine rugose Einzelkoralle
der mitteldevonischen Rasenrifffazies. Haus der Fossilien,
Sammlung Jungheim. Foto: KFS

Heute ist die zentrale Aufgabe des „Naturzentrums Eifel“ die Umweltbildung in der außerschulischen Umwelterziehung und Erwachsenenbildung. Das auf Erlebnispädagogik aufbauende Konzept, bietet allen Schulformen, interessierten Laien und Fachleuten Veranstaltungen unter qualifizierter wissenschaftlicher Fachbetreuung rund um die Themenkreise Geologie, Geschichte und Natur. Das Naturzentrum ist die tragende Säule des „Naturforums“, einem konzeptionellen Überbau mit den verschiedenen Angeboten des Naturzentrums, des Jugendgästehauses, des Bildungswerkes, des Holzkompetenzzentrums und weiterer angegliederter Einrichtungen und Organisationen. Aus der Reichhaltigkeit des Angebotes sollen hier nur die Einrichtungen und Projekte vorgestellt werden, die aus geologischer Sicht interessant sind. Weitere Information erhält man an der Tourist-Information im Zentralgebäude (s. u.). Der Eintritt ist frei.

Zentralgebäude Naturzentrum Eifel

53947 Nettersheim, Römerplatz 8-10 Tel.: 02486 / 12 46;
Internet:
www.naturzentrum-eifel.de

Öffnungszeiten:
Mo–Fr 9–17 Uhr, Sa–So 10–17 Uhr.
1. Mai bis 31. Oktober: Sa–So bis 18 Uhr
1. Dezember bis 28. Februar: Mo–So bis 16 Uhr

Das Zentralgebäude stellt gewissermassen das Herzstück aller Einrichtungen des Naturzentrums dar. Dort sind integriert:

  • Informationsbereich, Tourist-Information
  • Museumsshop, Caféteria
  • Korallenriff-Aquarium zur Veranschaulichung der Lebensweise mitteldevonischer Riffbildner!
  • Labor- und Seminarräume
  • Ausstellungen zu den Lebensräumen der Natur- und Kulturlandschaft Eifel
  • archäologische Ausstellung (Neandertaler, Römer, Franken)

Für einen Besuch ohne Zeitnot benötigt man mindestens 90 Minuten. Das Zentralgebäude ist Startpunkt des „Erlebnispfades“ (s. u.)

Haus der Fossilien "Alte Schmiede"

53947 Nettersheim, Bahnhofstraße 50
Öffnungszeiten: wie Zentralgebäude (s. o.)

Das Gebäude „Alte Schmiede“ beherbergt einen Teil der umfangreichen Fossiliensammlung „Fossilien des Eifeler Devonmeeres - fossiles Korallenriff“ zum Devon der Kalkeifel von H. J. Jungheim. Das von ihm entwickelte didaktische Konzept ermöglicht dem Betrachter, Schülern wie auch interessierten Laien, die paläo-ökokologischen Verhältnisse in der Eifeler Meeresstraße auf anschauliche Weise zu begreifen.


Haus der Fossilien. Foto: KFS

Hinzu kommen mit Beispielen aus der Sammlung belegte Erläuterungen, die die „Spielregeln der Evolution“ spannend veranschaulichen. Dass es tatsächlich Fossilien gibt, die aufgrund ihrer „Winzigkeit“ erst unter einer sehr starken Lupe erkennbar werden, ist ein insbesondere von Schülern begeistert angenommenes Highlight der Ausstellung. Gezeigt wird dies am Beispiel der Ostracoden (Muschelkrebse). Seit über 25 Jahre hat sich die Ausstellung ständig weiterentwickelt. Zur Devon-Thematik kamen weitere Segmente hinzu:

  • Von Aristoteles bis Darwin - zur Geschichte der Paläontologie
  • Ausstellung zur Paläobotanik: „400 Millionen Jahre Wald”
  • Evolution ausgewählter Tiergruppen von ihren Anfängen bis heute (Sammlung Eric Bonn)
  • Seelilien des Devons (Sammlung Heribert Albring)

Für den Besuch der Fossiliensammlung benötigt man ca. 60 Minuten.

Werkhäuser

53947 Nettersheim, Kaninhecke
Öffnungszeiten: Wie Zentralgebäude (s. o.).
Wenn das Gebäude während der offiziellen Öffnungszeiten verschlossen
ist, kann man sich den Schlüssel an der Tourist-Info im Zentralgebäude
besorgen


Die Werkhäuser an der „Kaninhecke“ im Urfttal. Sie beherbergen
eine Dauerausstellung zur Geologie der Eifel. Foto: KFS

Der Standort der „Werkhäuser“ geht wahrscheinlich auf die Verhüttung von unterdevonischen Roteisenerzen, welche im in der Nähe gelegenen Genfbachtal anstehen, zurück. Die unmittelbare Lage an der Urft ließ den Betrieb von Blasebälgen und Hämmern mit Wasserkraft zu. Später sind die heute sichtbaren Gebäudeteile hinzugekommen. Sie wurden im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert im Rahmen der Weiterverarbeitung von Branntkalk aus den angrenzenden Kalköfen (s. u.) genutzt.


Themenraum „Paläogeographie des Devons“,
Werkhäuser. Foto: KFS


Stratigraphie der Sötenicher Mulde im Themenraum
„Zeit und Kreislauf der Gesteine“, Werkhäuser,
Simon 1987. Foto: KFS

1987 wurden die grundsanierten und restaurierten Gebäudeteile einer anderen Nutzung übergeben: In fünf Räumen zeigen nun Dauerausstellungen Themen zur Erdgeschichte:

  • allgemeine Geologie
  • Stratigraphie des Eifeler Devons
  • Paläogeographie der Eifel zur Zeit des Devons
  • Bodenbildung und Verkarstung
  • Technik der Kalkbrennerei
  • Minerale und deren Lumineszenzerscheinungen.

Von touristischem Interesse ist eine funktionsfähige, wasserangetriebene Getreidemühle, die in den Werkhäusern auf Knopfdruck ihren Dienst verrichtet.

Kalkbrennöfen

53947 Nettersheim, Kaninhecke
Öffnungszeiten: ständig geöffnet

Die Kalkbrennöfen am Steinbruch Kaninhecke stammen aus dem 19. Jahrhundert. Sie wurden mit Beginn der 1980er Jahre restauriert und fügen sich nun als anthropogeologisches Segment in das Konzept des Naturerlebnisdorfes ein. Die Anthropogeologie ist eine Teildisziplin der angewandten Geologie. Sie untersucht die Beziehung Mensch und geologischer Umwelt. Hervorzuheben ist, dass die zwei Feuerungsanlagen jeweils eine kontinuierliche und eine zyklische Produktion von gebranntem Kalk ermöglichten.

Zyklischer, auch diskontinuierlicher Brennvorgang

Diese Produktionsweise geht auf die römische Kalkbrennkunst zurück. Der Ofen wurde einmal mit Holz als Brennstoff und Kalkstein sukzessiv von unten nach oben befüllt. Dies geschah nach einem sehr ausgeklügelten Konzept um die Dauer, Intensität und Richtung des Brennvorgangs zu steuern. Nach dem Abbrennen und Ausglühen wurde der gebrannte Kalk an der unten liegenden Abstichöffnung entnommen. Diese Produktionsweise war unökonomisch und beanspruchte durch wiederholtes Erkalten und Erhitzen vor allem das Ofengemäuer, welches dadurch ständig ausgebessert werden musste.

Kontinuierlicher Brennvorgang

Dieser ermöglichte durch eine laufende Beschickung von oben mit Holzkohle als Brennstoff und Kalkstein eine kontinuierliche Entnahme des gebrannten Kalkes an der Abstichöffnung. Diese Produktionsweise war ökonomischer und schonender.

Vom Riffkalk zum Kalkhydrat (gelöschter Kalk)

Riffkalkstein enthält als Mineralbestandteil überwiegend Calzit, chemisch Calciumkarbonat CaCO3. Ab einer Temperatur von 898° C zerfällt Calzit in CaO (Calciumoxid, Brandkalk) und Kohlendioxid CO2, das gasförmig entweicht. Der Brennvorgang ist optimal, wenn er im Temperaturbereich 925° C – 1340° C liegt.

CaCO3 + Wärmeenergie –› CaO + CO2


Die restaurierten Kalkbrennöfen an der „Kaninhecke.“ Foto: KFS

Man erhält somit Branntkalk, der je nach Verwendungszweck weiterbehandelt wird. Das bekannteste Verfahren ist die nasse Kalklöschung. Hier wird der Branntkalk in einer Wanne mit Wasser versetzt und eingesumpft. Bei der chemischen Reaktion

CaO + H2O –› Ca (OH)2 + Wärmeenergie

entsteht unter heftiger Abgabe von Wärme Kalkhydrat, das nach der Trocknung in Mörteln, Putzen und Farben als „Sumpfkalk“ Verwendung findet. Erst durch die Aufnahme von CO2, normalerweise aus der Umgebungsluft, tritt eine Recarbonatisierung ein:

Ca (OH)2 + CO2 –› CaCO3 + H2O

Es entsteht wieder Calciumkarbonat, dessen Kristalle durch Verschränkung und Zwillingsbildung einen festen Verbund bilden, somit ist der Kreislauf geschlossen. Erst dieser Prozess verleiht den Mörtelgemischen aus Sand, Kalkhydrat und Wasser, durch Trocknung und Rekristallisation die gewünschte Festigkeit. Durch Beimengungen von ungelöschtem Kalk können die Eigenschaften, wie Aushärtungsgeschwindigkeit, Volumenzunahme und Härte des Mörtels, des Putzes oder der Farbe gesteuert werden.

Erlebnispfad

53947 Nettersheim, Römerplatz 8-10
Der Startpunkt ist am Zentralgebäude

Der 6 km lange Rundwanderweg erschließt 20 verschiedene Stationen, die zum aktiven Dialog mit der Umwelt anregen. Aus geologischer Sicht sind neben den bereits hier vorgestellten Einrichtungen die geologischen Aufschlüsse

  • Kaninhecke: mitteldevonisches Stromatoporenriff (Abb. 65.1)
  • Steinrütsch: Wattenmeersedimente der Klerfer-Schichten
  • Auf Korallensuche: fossilreicher Ackerfundplatz in den Nohner-Schichten, Mitteldevon

hervorzuheben.

Für den Rundweg benötigt man ca. 3 Stunden.

Dies war ein Auszug aus dem Buch :  "Georallye - Spurensuche zur Erdgeschichte"