10. Eiszeitliche Tierwelt im Kartstein bei Eiserfey

Wo: Über die A1, Abfahrt Bad Münstereifel oder Zingsheim, weiter zur B477.  Zwischen Weyer und Eiserfey liegt der Kartstein bei der kleinen Ortschaft Dreimühlen. Die Höhle ist ausgeschildert.

Geokoordinaten:   N50° 32' 40.956" E6° 39' 35.028"

Betreuer: Prof. Dr. em. Wighart von Koenigswald, Dr. Irina Ruf


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Bei Eiserfey überragt ein großer Kalksteinfelsen, der Kartstein, das Tal. Es bietet als Felsen und mit seinen Höhlen eine regionale Attraktion.

 Eingang zur Höhle
Der Eingang zur großen Höhle im Kartstein, der „Kakushöhle“. Foto: WvK

Im Gegensatz zu dem weit verbreiteten Kalk der devonischen Eifelkalkmulden, die in einem Meer vor rund 350 Ma abgelagert wurden, ist diese auffällige Felsformation um vieles jünger, nämlich nur etwa 300.000 Jahre alt. Der Kalk stammt also aus dem Mittelpleistozän. Die Höhlenfüllungen sind nochmals erheblicher jünger und stammen aus der letzten Kaltzeit etwa zwischen 100.000 und 10.000 Jahren vor heute.

 Basis des Travertinblockes
Die Basis des Travertinblockes. Foto: WvK

Weite Bereiche der mitteldevonischen Kalkmulden in der Eifel sind verkarstet. Das heißt: saure Wässer drangen von der Oberfläche in die Kalke ein, lösten sie mit der im Wasser enthaltenen Kohlensäure auf und formten unterirdische Abflussbahnen. Äußerlich erkennt man Karstgebiete daran, dass viele der kleinen Täler keinen Bachlauf aufweisen, weil das Wasser unterirdisch abfließt. Wenn die Kalke, wie im Sauerland, massig auftreten, können die unterirdischen Abflussbahnen zu großen Höhlen erweitert werden. In der Eifel sind die Kalke meist durch Mergelschichten unterbrochen. Sie erlauben zwar den Abfluss des Wassers, aber keine großen Höhlenbildungen. Die beiden Höhlen im Kartstein haben sich auch nicht im devonischen Kalk gebildet, stehen aber dennoch mit der Verkarstung in einem ganz engen Zusammenhang. Der bei der Verkarstung gelöste Kalk wird nämlich zum großen Teil wieder ausgefällt. Das geschieht bereits häufig in den Quellen, denn dort entweicht ein Teil des gelösten Kohlendioxids (CO2) und damit sinkt die Fähigkeit des Wassers, den gelösten Kalk weiter zu transportieren. Deswegen setzen sich oft Quellkalke, die auch als Travertine bezeichnet werden, an den Karstquellen ab. Dabei spielen Moose und andere Pflanzen als CO2-Verbraucher eine wichtige Rolle (Kap. 61).

 

Der Kartsteinfelsen ist ein solcher Travertin. Er wurde von einer starken Karstquelle abgesetzt, die etwas oberhalb des Kartsteinfelsens in Richtung auf das Dorf Weyer gelegen hat. Auf der Höhe des Felsens muss man sich kleinere Seebecken vorstellen, die über eine große Kaskade in das Tal abgeflossen sind. Die Entstehungszeit der Travertinablagerung konnte einer Warmzeit des Mittel-Pleistozäns vor etwa 200.000 – 300.000 Jahren zugeordnet werden. Zu dieser Zeit gab es noch aktiven Vulkanismus in der Eifel, dessen Aschepartikel in einer Lage des Travertins nachgewiesen wurden. Gelegentlich müssen damals sogar Menschen die Quelle aufgesucht haben, denn mindestens 25 sicher identifizierte Steinwerkzeuge wurden im Travertin gefunden. Der Travertinklotz vom Kartstein ist also wesentlich jünger als die devonischen Gesteine die gerade noch am Boden der großen Höhle zu sehen sind. Sie gehören in das Mittel-Devon der Sötenicher Mulde, die die nördlichste der Eifelkalkmulden ist.

 Geologisches Blockbild
Geologisches Blockbild der Umgebung des Kartstein. Grafik: WM

Lageplan
Lageplan des Kartsteins mit den Höhlen und dem eisenzeitlichen Abschnittswall.
Grafik: aus Joachim et al. (1988)

 

Seit der Bildung des Travertins hat sich der Hauserbach tiefer eingeschnitten. Damit verlagerte sich auch seine Quelle, die heute viel tiefer etwas südlich vom Weiler Dreimühlen austritt. Diese untere Quelle haben schon die Römer gefasst, um eine der Zuleitungen für die Wasserleitung nach Köln zu füllen. Heute wird die gleiche Quellfassung von der Wasserversorgung der Stadt Mechernich genutzt . Der östlich vorbei fließende Feybach schneidet sich ebenfalls immer weiter ein und entsprechend werden die Talhänge immer steiler. Große Blöcke des Travertinkomplexes sind bereits auf der Ostseite abgebrochen und den Hang hinunter gerollt. Das führte um 1970 zu der Befürchtung, dass weitere Teile des Felsens abstürzen könnten. Um die Sicherheit der Besucher zu gewährleisten und dieses besondere Denkmal zu erhalten, wurden große Betonstützen eingebaut. Bei der Tieferlegung der Quelle änderte sich die Wasserführung. In einer nicht genau festzulegenden Zwischenphase wurden Höhlen im Travertin ausgespült. Die “Kleine Höhle” im Nordteil des Kartsteinfelsens ist durch die Erweiterung einer Wasserröhre im Travertin entstanden. Die “Große Höhle” wurde an der Grenze zwischen dem unterlagernden Devon und dem Travertin ausgewaschen .

Zähne von Höhlenbären
Zähne vom Höhlenbären aus dem Kartstein Foto: GO

Zähne und Knochen
Zähne und Knochen verschiedener eiszeitlicher Säugetiere aus dem Kartstein. Foto: GO

 

Eine Wasserröhre führt noch etwas in den Felsen hinein. Das Alter der Höhlenbildung muss jünger als das des Travertins und zugleich höher sein, als die verschiedenen Verfüllungen in der Höhle. Da die ältesten Funde aus der Höhle vom Beginn der letzten Eiszeit stammen, also etwa 80.000 bis 100.000 Jahre alt sind, muss die Höhlenbildung damals bereits weitgehend abgeschlossen gewesen sein. Höhlen, die leicht zugänglich sind, bieten vielen Tieren aber gelegentlich auch dem Menschen einen willkommenen Unterschlupf. Fledermäuse überwintern noch heute im hinteren Teil der Höhle (der deswegen mit einem Gitter versperrt ist). Während der letzten Eiszeit wurden beide Höhlen häufig vom Höhlenbär aufgesucht. Er nutzte sie zum Winterschlaf. Die vielen Knochen und Zähne, die in den beiden Höhlen gefunden wurden, zeugen davon .

 Wichtige Arten
Alle wichtigen Arten der jungpleistozänen Säugetierfauna wurden
im Kartstein gefunden. Grafik: WVK

 

Im Leben der Bären waren die langen Wintermonate ohne Nahrungsaufnahme stets eine kritische Periode. Gesunde Bären schlafen für mehrere Monate und die Weibchen werfen am Ende des Winterschlafes sogar ihre Jungen. Aber manche schwache oder kranke Tiere, die sich im Herbst keine genügenden Fettreserven anfressen konnten, starben während des Winterschlafs in den Höhlen. Früher schloss man wegen der vielen Knochen gern auf Katastrophen. Aber selbst wenn nur alle paar Jahre ein Tier verendete, sammelten sich große Knochenmengen Außer den Resten von Höhlenbären finden sich die vieler anderer Tiere. Fast das ganze Spektrum der eiszeitlichen Fauna mit Mammut, Wollnashorn, Rentier, Riesenhirsch und Bison wurde in den Kartsteinhöhlen gefunden. Sogar Moschusochse und Saigaantilope, die nur in besonders trockenkalten Phasen bis nach Mitteleuropa vordrangen, konnten nachgewiesen werden. Dazu kommen noch die Raubtiere Braunbär, Löwe, Wolf und Hyäne. Der Höhlenhyäne fällt eine ganz besondere Bedeutung zu, denn sie nutzte Höhlen gerne als Bau zur Aufzucht der Jungen. Sie war stets ein eifriger Knochensammler und schleppte die Knochen aller Tiere, die in der Gegend lebten, in den Bau ein. Dabei verschmähte sie nicht einmal die trockenen Abwurfstangen von Hirschen. Die Knochen zeigen häufig die typischen Spuren der Zähne aus dem kraftvollen Gebiss der Hyäne, mit dem sie auch große Knochen zerbeißen konnte. Viele der Knochen aus Hyänenhorsten sind aber durchaus noch zu bestimmen und gewähren dann einen vorzüglichen Überblick darüber, welche Tiere in der Umgebung gleichzeitig mit der Höhlenhyäne vorgekommen sind .

 Faustkeil
Faustkeil aus dem Mittelpaläolithikum (70.000 – 30.000 Jahre
vor heute). Er kann dem Neandertaler zugeordnet werden
und ist im Römisch- Germanischen Museum
in Köln ausgestellt. Foto: GO

Mehrfach hat auch der Mensch die Höhlen aufgesucht. Steinwerkzeuge aus dem Mittelpaläolithikum (70.000 – 30.000 Jahre vor heute) können dem Neandertaler zugeschrieben werden . In späterer Zeit, aber immer noch unter eiszeitlichen Verhältnissen, hat der “moderne Mensch” die Höhle besucht, wie die Steinwerkzeuge aus dem Jungpaläolithikum zeigen. Diese Jäger haben natürlich auch die Knochen ihrer Jagdbeute in der Höhle liegen gelassen. Dort vermischten sie sich mit den Knochen, die auf ganz andere Weise in die Höhle gekommen waren. Deswegen kann man die tatsächliche Jagdbeute nur identifizieren, wenn man Schnittspuren der Feuersteingeräte an den Knochen erkennen kann. Unmittelbar am Ende der letzten Eiszeit (vor rund 11.000 Jahren) machte noch einmal eine Gruppe von Rentierjägern am Kartstein Rast. Sie lagerten dort, wo jetzt einer der Betonpfeiler den Abbruch zum Hausertal hin abstützt. Dort fand man ihren Abfall mit Tierknochen und einigen Steingeräten, die ganz speziell für diese Zeit typisch sind. Wegen seiner prominenten Lage über dem Hausertal wurde der Kartsteinfelsen auch in historischer Zeit vielfach aufgesucht und genutzt. In der Eisenzeit baute man einen Abschlusswall, hinter dem man z.B. Vieh vor räuberischem Zugriff schützen konnte. Er ist auf dem Plateau des Kartsteinfelsens noch gut zu erkennen. Auch in der Römerzeit wurde die Höhle begangen, wie typische Ton- und Glasscherben zeigen, die man hier ebenfalls gefunden hat. Wahrscheinlich stürzte ein Teil der Decke in der Großen Höhle erst nach der Römerzeit ein, denn die Blöcke liegen z.T. über den römischen Schichten. Die archäologischen Funde werden im Römisch-Germanischen Museum in Köln aufbewahrt und sind dort zum Teil ausgestellt. Die paläontologischen Funde aus den Höhlen wurden im 2. Weltkrieg weitgehend zerstört. Damit ist die eingemeißelte Inschrift am Höhleneingang teilweise überholt.

Dies war ein Auszug aus dem Buch :  "Georallye - Spurensuche zur Erdgeschichte"